Wie Unternehmen sich auf den Brexit vorbereiten können

Der Brexit-Termin wurde erneut verschoben. Diesmal hat die EU auf einer Verlängerung bis mindestens Ende Oktober 2019 mit einer Unterbrechungsklausel am 30. Juni bestanden. Die Möglichkeit eines ungeregelten Brexits ist somit erstmal verschoben, aber es dürften sich eine ganze Reihe weiterer Fragen ergeben.

Die anhaltende Unsicherheit über die Art und Weise des britischen Abschieds aus der EU dauert somit an. Die Commerzbank hilft Ihnen dabei, sich auf jedes mögliche Brexit-Szenario einzustellen. Das gilt für Kunden hierzulande und für Kunden im Vereinigten Königreich.

Was bei einem geregelten Brexit passiert

Bei aller Unsicherheit: Auch ein geregelter Brexit ist nach wie vor möglich. Die verbleibenden EU-Mitglieder haben dem ausgehandelten Vertrag zugestimmt. Wenn auch das britische und das Europäische Parlament das 585-Seiten-Werk absegnen, würde sich zunächst nicht viel ändern. Denn beide Seiten haben sich auf eine Übergangsphase bis Ende 2020 geeinigt, die bis Ende 2022 verlängert werden kann. Während dieser Zeit bleibt Großbritannien im EU-Binnenmarkt und in der Europäischen Zollunion. Zudem sollen in diesem Zeitraum die künftigen Beziehungen detailliert geregelt werden.

Auch nach der Übergangsfrist behalten in Großbritannien lebende EU-Bürger und in der EU lebende Briten ihre ihnen auch heute schon zustehenden Rechte auf Aufenthalt, Erwerbstätigkeit, Studium und Familiennachzug. Damit ist beispielsweise für deutsche Unternehmen sichergestellt, dass ihre deutschen Mitarbeiter weiterhin in Großbritannien arbeiten dürfen.

Für den Handel nach dem geregelten EU-Austritt gilt: Waren wie Spielsachen, Kleidung und Kosmetik, aber auch Medikamente und Medizinprodukte mit einer Produktzulassung dürfen auch nach Ende der Übergangsphase verkauft werden.

Welche Auswirkungen ein harter Brexit haben würde:

Die gute Nachricht zuerst: Die Commerzbank in Großbritannien wird Ihren Kunden nach heutiger Rechtslage selbst bei einem harten Brexit nahezu die unveränderten Dienstleistungen anbieten können. „Grundlage dafür ist das sogenannte Temporary Permissions Regime, das in Großbritannien verabschiedet wurde“, sagt Antje-Irina Kurz von der Rechtsabteilung der Commerzbank. Demnach gelten für Geldhäuser aus der EU auch nach einem vertragslosen Austritt Großbritanniens zunächst die Regeln, die gelten würden, wenn sie weiterhin den EU-Passport hätten.

Bis zu drei Jahre nach dem Brexit können die Banken so wie bisher agieren. „Voraussetzung dafür ist aber, dass das Geldhaus sich vor dem Brexit für das Temporary Permissions Regime registriert hat oder einen Antrag auf Erteilung einer britischen Banklizenz gestellt hat“, sagt Kurz. Die Commerzbank hat dies bereits im September 2018 getan.

Auch auf das für bestimmte Hedging-Aktivitäten wichtige Clearing über zentrale Gegenparteien (CCPs) hat ein harter Brexit keine Auswirkungen. Die EU-Kommission hat dazu einen Notfallplan veröffentlicht und konkrete Maßnahmen angekündigt, die auf eine Übergangsregelung hinauslaufen – auch im Fall eines harten Brexits. Demnach dürfen CCPs wie z. B. das London Clearing House (LCH), für zwölf Monate weiterhin EU-Banken ihre Dienste anbieten. Weder das Vereinigte Königreich noch die EU haben ein Interesse daran, dass es hier zu Marktfriktionen kommt. In diesem Zusammenhang haben sich die European Securities and Markets Authority (ESMA) und die Bank of England Anfang Februar 2019 darauf geeinigt, CCPs und Zentralverwahrstellen (CSD) in Großbritannien im Falle eines harten Brexits vorläufig anzuerkennen.

Verunsicherung nimmt zu

Die Verunsicherung aufseiten der Unternehmen, die mit Großbritannien Geschäftsbeziehungen haben oder dort produzieren, nimmt wegen der erneuten Terminverschiebung zu. Ein wiederkehrendes Thema bei Kundengesprächen ist die Absicherung von Währungsrisiken. „Ein harter Brexit wird meines Erachtens zu einer Abschwächung des Sterlings führen. Bereits vor und nach dem Referendum über den EU-Austritt hatte eine Abschwächung des Sterlings stattgefunden, Kosten für Devisenoptionsabsicherungen waren deutlich angestiegen“, sagt Dr. Michael Braun, Währungsexperte der Commerzbank. Momentan sei die Lage noch relativ entspannt. „Wenn es aber klar in Richtung eines harten Brexits gehen sollte, erwarte ich einen starken Anstieg der Optionsvolatilität und damit auch einen Anstieg der Absicherungskosten mittels Devisenoptionen“, betont Dr. Braun.

Bestandsaufnahme als Basis für eine Währungsabsicherung

In der Regel liege die Optionsvolatilität in Euro-Sterling bei 7 bis 8 Prozent, in der Zwischenzeit werde sie aber auch schon weit höher gehandelt. Und was können Unternehmen dagegen tun? „Zunächst sollten sie eine Bestandsaufnahme machen“, sagt Währungsexperte Dr. Braun. „Inwieweit ändert der Brexit mein abzusicherndes Volumen? Was habe ich bereits abgesichert? Und sie sollten den Markt beobachten, um eventuell gewisse Absicherungen vorzuziehen, damit sie nicht in eine Phase kommen, in der der Markt sehr gestresst ist.“ Des Weiteren empfiehlt er: „Sprechen Sie uns an. Wir können dann die Risiken messen und mit Ihnen eine Absicherungsstrategie entwickeln.“ Gemeinsam mit Kollegen aus dem Research bietet die Commerzbank beispielsweise Informationsveranstaltungen per Telefon- oder Videokonferenz exklusiv für ihre Kunden an. Hierbei geht es sowohl um grundsätzliche Entwicklungen zum Thema Brexit als auch um individuelle Fragen des Unternehmens.

Die Aussichten für den Zahlungsverkehr

Entspannter als bei den Währungsrisiken zeigt sich das Bild beim Thema Zahlungsverkehr und beim sogenannten Cash Pooling. Martin Cordes, Leiter Payments Corporates & Innovation bei der Commerzbank, erwartet in der Abwicklung selbst bei einem harten Brexit kaum Veränderungen. Die britischen Banken haben beim European Payments Council (EPC) den Antrag auf Verbleib im SEPA Zahlungsverkehr gestellt, und der EPC hat dem in seiner Sitzung vom 7. März 2019 zugestimmt. Damit kann SEPA-ZV weiter abgewickelt werden. Die Commerzbank wird den erweiterten regulatorischen Anforderungen durch Vervollständigung der Zahlerdaten in Überweisungen begegnen. Unternehmen mit Lastschrifteinzügen von Zahlungspflichtigen in Großbritannien müssen als Auftraggeber die Zahlerdaten mitgeben und können sich hier entsprechend vorbereiten und bereits heute die Adressdaten für die entsprechende Kunden in der SEPA Datei zuspielen. Gegebebenfalls könnten auch etwas höhere Entgelte die Folge sein.

Für den Auslandszahlungsverkehr gelten ebenfalls Bedingungen wie für Drittländer– es müssen vollständige Zahlerdaten erfasst werden. Ein Vorteil für Commerzbank-Kunden: „Wir bieten seit einiger Zeit Echtzeitkonvertierung im internationalen Zahlungsverkehr an“, sagt Cordes. Der Kunde ist nicht mehr von einem einmal am Tag festgelegten Referenzkurs abhängig, er weiß stattdessen immer genau, zu welchem Kurs Geldtransfers umgerechnet werden.

Cash Pooling – alles bleibt beim Alten

Beim Cash Pooling – das ist ein konzerninterner Liquiditätsausgleich durch ein zentrales Finanzmanagement, der überschüssige Liquidität von Konzerngesellschaften zentral zusammenführt und Liquiditätsunterdeckungen ausgleicht – erwartet die Commerzbank keine Veränderungen in der Abwicklung. Der Grund: Das Cash Pooling regelt jedes Land individuell. Es gibt hier keine substanziellen Abhängigkeiten von EU-Gesetzen.

Verzögerungen einkalkulieren bei Warenlieferungen

Sollten Auslandsgeschäfte nach Großbritannien mit Akkreditiven abgesichert sein, gilt im Falle eines harten Brexits: Die Vertragspartner sollten mögliche Verzögerungen bei den Warenlieferungen aufgrund der dann notwendigen Grenz- und Zollkontrollen einkalkulieren und vertraglich regeln, wie z. B. bei Akkreditiven. Diese dadurch entstehenden Lieferengpässe bewirken auch eine Veränderung in den Forderungslaufzeiten. Das kann Einfluss auf die Bonität des Abnehmers haben. Höhere Lieferantenkredite führen bei Ausfall zu massiven Problemen.

Die gravierendsten Auswirkungen eines harten Brexits werden Unternehmen treffen, die Warenverkehr mit dem Vereinigten Königreich betreiben. Durch die dann notwendigen Grenz- und Zollkontrollen kann es zu den bereits beschriebenen erheblichen Verzögerungen kommen – inklusive entsprechend verspäteter Zahlungen für die gelieferten Waren. Das kann dann wiederum zu Liquiditätsengpässen bei den Lieferanten führen. Die Commerzbank bietet daher ihren Kunden einen sogenannten Brexit-Sofortkredit an. Er kann mit einer Laufzeit von bis zu sechs Monaten als Kontokorrentkredit beantragt werden. Über die genauen Konditionen des Sofortkredits oder auch weiteren Absicherungsvarianten neben dem genannten Akkreditiv informiert der jeweilige Kundenberater.

Um das Chaos an den Grenzen und das Reißen von Wertschöpfungsketten zu vermeiden, hat die britische Regierung Pläne veröffentlicht, während einer Übergangsphase im wesentlichen nur Agrarimporte mit Zöllen zu belegen und die große Mehrheit der Importe aus der EU (87%) ohne die Erhebung von Zöllen durchzuwinken. Ein großflächiger Verzicht auf Zölle würde dem Brexit zunächst einen großen Teil seiner Härte nehmen.